KSA-Blog

Freitag, Jänner 13, 2006

2. Essay

Strukturalismus

Erläutere die zentralen Interessen des Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Prägung. Wie ist die Bedeutung des strukturalistischen Ansatzes aus heutiger Sicht zu bewerten, auf welche Forschungsbereiche konzentrierten sich nachfolgende AnthropologInnen und warum?














Claude Lévi-Strauss (1908 - )

Claude Lévi-Strauss wurde 1908 in Brüssel geboren und studierte Philosophie und Jura in Paris. Nachdem er zwei Jahre lang an einem Gymnasium unterrichtet hatte, bekam er 1935 ein Angebot für eine Lektoratsstelle an der neu geöffneten Universität in Sao Paolo. Als Lévi-Strauss dann Robert Lowies „Primitve Society“ las, erwachte sein Interesse in Anthropologie und er führte selbst ethnographische Feldforschung bei den Bororo-Indianer im Amazonasgebiet durch.
Lévi-Strauss wurde jedoch nie ein Freund von langer, intensiver Feldforschung à la Malinowski. Dies drückt er auch ganz offen in dem Werk „Traurige Tropen“ aus, das zu einem Teil auf dem damals im Amazonasgebiet gesammeltem Material beruht. [1]

Dass es dabei von Seiten anderer Anthropologen, insbesondere von Malinowskis Schülern, zu vehementer Kritik kam, liegt auf der Hand. Edmund Leach schreibt beispielsweise in seiner Biografie über Lévi-Strauss: „Eine genaue Untersuchung von Traurige Tropen lässt erkennen, dass Lévi-Strauss bei seinen brasilianischen Reisen niemals länger als einige Wochen kontinuierlich an einem Ort geblieben ist, und dass er sich niemals flüssig mit irgendeinem seiner eingeborenen Informanten in dessen Muttersprache unterhalten konnte.“ [2]

Ein weiteres wichtiges Werk von Claude Lévi-Strauss wurde sogar noch vor „Traurige Tropen“ (1955) herausgegeben: „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ (1949)
Nirgendwo sonst wird der Einfluss von seinem Lehrer Marcel Mauss deutlicher. Lévi-Strauss wendet sich in diesem Werk von der vorherrschenden, aus der britischen Sozialanthropologie kommenden, Deszendenztheorie ab und erklärt Verwandtschaftssysteme stattdessen mit dem Mauss’schen Prinzip des Austausches. Wie dieser Ansatz und die von ihm in diesem Werk postulierten Universalien des Inzesttabus und des Frauentausches aus heutiger Sicht zu bewerten sind, wird im zweiten Teil des Essays erläutert.
Ein sogar noch bedeutenderer Einfluss als der des Lehrers Mauss stellte jedoch die Linguistik dar. Dabei ist allen voran Ferdinand de Saussure erwähnenswert, der vor allem mit seiner Unterscheidung zwischen langue und parole den Grundstein des Lévi-Strauss’schen Strukturalismus legte. Dabei wird zwischen der allgemeinen grammatikalischen Struktur der Sprache und den aktuellen, variablen Äußerungen im Rahmen dieser Sprache unterschieden. Laut Lévi-Strauss ist diese Unterscheidung analog übertragbar auf das Verhältnis zwischen der Struktur von Kultur und dem sozialen, variablen Verhalten von Individuen. [3]

Seine Einsichten aus der Sprachwissenschaft begegneten Lévi-Strauss in New York, wo Vertreter der sogenannten Prager Schule (z.B. Roman Jakobson) - wie er selbst - aufgrund des zweiten Weltkrieges im Exil lebten. Die zweite Idee, die er zu dieser Zeit aus der Linguistik übernahm und die ebenfalls ein zentrales Motiv in seinen späteren Arbeiten einnehmen sollte, war die der binären Oppositionspaare. Lévi-Strauss fand darin wieder den grundlegenden Unterschied zwischen einer oberflächlichen Offensichtlichkeit und einer darunter liegenden, unerforschten Struktur, den er dann auf das menschliche Denken anwandte. [4]
Als den grundlegendsten dieser binären Oppositionspaare formulierte er den Gegensatz zwischen Natur und Kultur. Aus diesem Grundgegensatz heraus konstruierte Lévi-Strauss wiederum das sogenannte kulinarische Dreieck, das er in weiterer Folge auch erweiterte. Die Erkenntnis die er daraus gewann, war folgende: Die Menschen teilen ihr Essen überall auf der Welt in bestimmte Kategorien ein, die wiederum den unterschiedlichen Ebenen des gesellschaftlichen Prestiges zugeordnet sind.

Claude Lévi-Strauss glaubte an einen "l’esprit humain", eine geistige Einheit der Menschen und diese sei nur durch die verschiedenen kulturellen Prägungen aus unserem Sichtfeld gelangt. Durch den systematischen Vergleich der einzelnen kulturellen Phänomene wollte er die Strukturen dieser Einheit finden. [5][6]
Mit der Entwicklung einer speziellen Mythenanalyse hat er dieses Vorhaben fortgesetzt, das mit dem kulinarischen Dreieck begonnen hatte. Diese Analyse wandte er dann auch gleich an und schuf damit das vierbändige Mammut-Projekt „Mythologica“(1964-1971), in dem er über hundert verschiedene Mythen Nord- und Südamerikas analysiert.

Bewertung der Ansätze von Lévi-Strauss aus heutiger Sicht:

In den Überlegungen von Claude Lévi-Strauss finden sich zwei ganz wesentliche Fehler, von denen ich jedoch annehme, dass er sie mittlerweile auch selbst berichtigt hat.

Der erste Fehler besteht in der Annahme, alles im menschlichen Denken könne auf binäre Oppositionspaare zurückgeführt werden. Dies hat schon sein Schüler Dan Sperber wiederlegt und wurde gerade im Zeitalter des Computers ganz offensichtlich zu einer zu begrenzten Sichtweise.
Man sollte jedoch nicht glauben, durch diese Tatsache wäre alles, was Lévi-Strauss mit seiner Mythenanalyse geleistet hat, hinfällig und überholt. Stattdessen zeigt er uns, dass gewisse Grundthemen existieren, die durch Abstraktionen und anschließender Verdichtung aus den einzelnen Mythen herausgefiltert werden können.
Nicht umsonst haben seine Methoden auch in der Analyse von Träumen und Traumsequenzen Eingang gefunden. [7]

Der zweite Fehler findet sich in der These, die besagt, dass alle Verwandtschaftssysteme auf dem Prinzip des Frauentausches beruhen.
Viele bedeutende Anthropologen kritisierten diese angebliche Universalie. Unter ihnen finden sich beispielsweise Louis Dumont, den neben Claude Lévi-Strauss wichtigsten Begründer des Strukturalismus, die britischen Anthropologen Edmund Leach und Rodney Needham und die wichtigste Schülerin von Lévi-Strauss, Francoise Héritier.
Trotzdem kann Claude Lévi-Strauss auch bei seinen Leistungen im Bezug auf die Analyse von Verwandtschaftssystemen eine positive Bilanz ziehen.
Er bereicherte die Kinship Studies mit der Allianztheorie und beendete somit die jahrelange, fast schon dogmatisch anmutende Fokussierung auf die Deszendenz.
Mit seiner Ablehnung der Herkunftsforschung gegenüber wies er außerdem ganz direkt auf deren Missbrauch durch den Nationalsozialismus hin.

Meiner Meinung nach besteht kein Zweifel daran, dass, trotz teilweise falscher Überlegungen seinerseits, Claude Lévi-Strauss einen der einflussreichsten und bedeutendsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts darstellt. Was den Strukturalismus als Ganzes betrifft, stimme ich mit dieser Aussage von Alan Barnard überein: „... and structuralism throughout it's history has been both an international and a transdisciplinary phenomenon.“[8]


Quellenverzeichnis:

[1] vgl. Parkin, Robert; 2005; One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology; Chicago; University of Chicago Press; 208-209
[2] Leach, Edmund; 1991; aus dem Engl. von Lutz-W. Wolff; Lévi-Strauss zur Einführung; Hamburg; Junius; 21
[3] vgl. Barnard, Alan; 2000; History and Theory in Anthropology; Cambridge; Cambridge University Press; 122
[4] vgl. Parkin, Robert; 2005; One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology; Chicago; University of Chicago Press; 211
[5] vgl. Barnard, Alan; 2000; History and Theory in Anthropology; Cambridge; Cambridge University Press; 127
[6] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Levi-Strauss; 10.01.2006
[7] vgl. Barnard, Alan; 2000; History and Theory in Anthropology; Cambridge; Cambridge University Press; 135
[8] Barnard, Alan; 2000; History and Theory in Anthropology; Cambridge; Cambridge University Press; 137

Freitag, November 25, 2005

1. Essay

Funktionalismus
2. Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.

Bronislaw Malinowski und Alfred Reginald Radcliffe-Brown hatten mit ihren Arbeiten im Grunde das gleiche Ziel. Sie wollten soziale Phänomene auf ihre Funktion in der Gesellschaft hin wissenschaftlich untersuchen und erklären. Es ist daher nicht verwunderlich, dass, obwohl Radcliffe-Brown (v.a. aufgrund seiner Differenzen mit Malinowskis Funktionalismus) seine Disziplin nicht als „Funktionalismus“ sondern eher als „vergleichende Soziologie“ bezeichnet hat, viele seiner Anhänger kein Problem damit hatten, als „Funktionalisten“ bezeichnet zu werden. [1]
Ein weiterer wichtiger Aspekt dieses „im weiteren Sinn“ verstandenen Funktionalismus ist ein enormer Gegenwartsbezug, der die traditionelle, evolutionistische Herangehensweise strikt ablehnt und sich nur auf die Funktion im Hier und Jetzt konzentriert.

Malinowski, 1884 in Polen geboren, wuchs in der zerfallenden K.u.K.-Monarchie auf, in der nationalistische Kräfte immer mehr an Bedeutung gewannen und lernte daher schon früh, dass Geschichte allzu oft nur dem politischen Nutzen dient. Es ist ihm daher nicht zu verübeln, dass er (so wie auch Radcliffe-Brown) in seinen Untersuchungen die Geschichte immer hinten an stellte.
Bronislaw Malinowski war ein sehr extrovertierter Mensch und ein Sprachengenie, was ihn natürlich zu einem guten Feldforscher machte. Er lehnte jedoch, ähnlich wie Boas in der amerikanischen Anthropologie, den sogenannten „armchair evolutionism“ [2] ab und etablierte stattdessen die Methode der „teilnehmenden Beobachtung“, die bis heute einen wichtigen Eckpfeiler der anthropologischen Methodik darstellt und trotz anfänglicher Kritik auch in andere Sozialwissenschaften Eingang gefunden hat.
Neben der Führung eines Feldforschungs-Tagebuches forderte Malinowski die Anthropologen vor allem zu langen, intensiven Forschungsaufenthalten auf, in denen sie so gut wie möglich am Alltag der zu untersuchenden Gesellschaft teilnehmen können. Die nach seinem Tod veröffentlichten persönlichen Tagebücher von Malinowski wurden meiner Meinung nach völlig überbewertet. Solange ein Forscher die Probleme einer Feldforschungsarbeit nur auf seine Tagebücher abwälzt, dürfte das kein so großes Problem sein, dazu sind sie ja da.

Obwohl die Methode der „teilnehmenden Beobachtung“ noch eine Zeit lang brauchte um vollständig akzeptiert und von der Mehrheit der Anthropologen angewendet zu werden, begann ein Umdenken in der allgemein üblichen Forschungsmethodik. Die Priorität lag nun entgegen der bisherigen Tradition nicht mehr auf Fragebögen oder Material aus zweiter Hand, sondern auf der Dokumentation eigener Beobachtungen, wobei das Erlernen der Sprache der ansässigen Bevölkerung natürlich eine wesentliche Grundvoraussetzung darstellte.
Diese Methode wendete Malinowski, wenn auch nicht ganz freiwillig, auf den Tropriand-Inseln an, wo er aufgrund des 1. Weltkrieges seinen Aufenthalt verlängern musste. Aus dem auf dieser Forschungsreise gesammelten Material entstand eines der wichtigsten Werke von Bronislaw Malinowski: „Argonauts of the Western Pacific“ [3]
In diesem Werk ist seine theoretische Herangehensweise besonders gut erkennbar.
Malinowski strebte immer eine Erklärung eines sozialen Phänomens aus sich selbst und aus der Sicht der Einheimischen heraus an. Sein prominentestes Beispiel dafür ist der „Kula-Tausch“ der Tropriander, ein profitloses Tauschsystem, das die sozialen Bindungen zwischen den verschieden Gruppen und Inseln aufrechterhalten soll. [4] Diese Entdeckung bestärkte ihn in seinem Verständnis von Kultur als „integrierter komplexer Mechanismus“, in dem alle Teile der Kultur eine bestimmte Funktion erfüllen. [5]
Seine Theorie der „basic needs“, die er aus diesem Ansatz heraus entwickelte fand jedoch keine wirkliche Anerkennung und wurde auch erst 15 Jahre nach seinem Tod als Essaysammlung unter dem Titel „Scientific Theory of Culture“ veröffentlicht. Malinowskis Problem mit seiner Theorienbildung war die Generalisierung von Erkenntnissen aus lokalen Kulturen.[6]

Radcliffe-Brown hatte in diesem Punkt den Vorteil seine Theorien durch umfangreiche Vergleiche von Lokalkulturen zu untermauern.
Aufgrund des frühen Interesses an Anarchismus (durch Kropotkin und Havelock Ellis geweckt) war Radcliffe-Brown von Anfang an auf der Suche nach staatenlosen Gesellschaften. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ihn seine wenigen Feldforschungen ihn zu den Andamanen und nach Westaustralien führten.
„Er glaubte daran, dass die Anthropologen irgendwann die ‚natürlichen Regeln der Gesellschaft’ durch Vergleiche finden würden“[7], durch die die Existenz einer zentralen Autorität überflüssig würde.

Radcliffe-Brown wurde sehr stark von den Werken Durkheims beeinflusst. So greift er z.B. auch das „Bild der segmentären Gesellschaft“ von Durkheim auf und vervollkommnet es. Dieses drückt die Gesellschaft als Zusammensetzung von sozialen Strukturen aus, die alle eine bestimmte Funktion besitzen und sich gegenseitig ausgleichen. Sein „Strukturfunktionalismus beschäftigt sich daher mehr mit dem Platz des Individuums in der sozialen Struktur als mit den individuellen Bedürfnissen“.[8]
Aufgrund dieses im vorangegangenen Zitat beschriebenen Interesses maß Radcliffe-Brown auch Verwandtschaftssystemen eine große Bedeutung zu und befreite diese von der evolutionistischen Sichtweise.

Alfred Reginald Radcliffe-Brown wurde nicht als großer Feldforscher berühmt, sondern für seine Theorien, mit denen er durch einen ausgezeichneten Lehrstil Anthropologen auf der ganzen Welt in seinen Bann zog. Während Malinowski jahrelang an der LSE (London School of Economics) blieb, wo nebenbei gesagt einige der einflussreichsten sozialanthropologischen Werke der 30er entstanden (zB „Witchcraft, Oracles, and Magic among the Azande“ von Evans-Pritchard), zog Radcliffe-Brown von einer Universität zur anderen und begeisterte Studenten in Süd-Afrika, USA und Australien. Als Malinowski dann nach Yale in die USA zog und aufgrund des 2. Weltkrieges unfreiwillig bis zu seinem Lebensende nicht mehr zurückkehrte, konnte Radcliffe-Brown seinen Einfluss in Großbritannien vergrößern und eine Schar vielversprechender Anhänger um sich scharen. [9]

Die Tatsache, dass sowohl Malinowski als auch Radcliffe-Brown eine Zeit lang so einen enormen Einfluss auf die Wissenschaftswelt ausgeübt haben, führt mich zum letzten von mir genannten Hauptanliegen dieser beiden zentralen Figuren der britischen Sozialanthropologie. Die Errichtung bzw. Etablierung von Institutionen, die eine fachgerechte Ausbildung von Studenten ermöglichen. Während Malinowski zu seiner Zeit die Kolonisationsmächte ausnützen musste, um seine Feldforschungen zu finanzieren, sind wir heute in der glücklichen Lage, diese integriert in einen anerkannten Ausbildungsweg durchführen zu können.


Quellenverzeichnis:

[1] vgl. Barnard, Alan; 2000; History and Theory in Anthropology; Cambridge; Cambridge University Press; 61
[2] Barnard, Alan; 2000; History and Theory in Anthropology; Cambridge; Cambridge University Press; 65
[3] vgl. Barnard, Alan & Spencer, Jonathan; 1996; Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology; London; Routledge; 343
[4] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bronislaw_Malinowski; 22.11.2005
[5] vgl. Barth, Fredrik; 2005; One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology; Chicago; University of Chicago Press; 22
[6] vgl. Barnard, Alan; 2000; History and Theory in Anthropology; Cambridge; Cambridge University Press; 69
[7] Barnard, Alan; 2000; History and Theory in Anthropology; Cambridge; Cambridge University Press; 70
[8] Barnard, Alan; 2000; History and Theory in Anthropology; Cambridge; Cambridge University Press; 61
[9] vgl. Barth, Fredrik; 2005; One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology; Chicago; University of Chicago Press; 28

Donnerstag, November 03, 2005

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